Wandern abseits der Wege – eine „große Gefahr“?

Gelegentlich äußern sich Forstleute negativ über diejenigen Wanderer, die es genießen, auch Abseits der Wege den Wald zu durchstreifen. So zuletzt geschehen im Juni 2015 anlässlich eines Waldumganges in Kirchentellinsfurt bei Tübingen. Das Tübinger Tagblatt berichtete. Sind Waldbesucher abseits der Wege nun eine „große Gefahr für das Ökosystem Wald“, wie die Forstleute vor Ort gemäß Bericht einhellig feststellen?

Ich habe den Versuch unternommen, einmal zu testen und zu dokumentieren, ob wir tatsächlich Jungpflanzen kaputt treten, wenn wir quer durch den Wald gehen – natürlich nur außerhalb der Wildruhezonen.

Hier eine Jungbuche:

Die Pflanzen halten demnach unseren aufrechten Gang naturgemäß aus. Nicht einmal starkes Trampeln mit Vorsatz schafft es, eine noch jüngere Buche dauerhaft zu beeinträchtigen, wie das folgende Video zeigt:

Jungpflanzen anderer Baumarten richten sich übrigens ebenso souverän wieder auf. Auf eine weitere Dokumentation sei hier verzichtet.

Die Einschätzung und Perspektive der Forstleute zu den großen Gefahren für das Ökosystem Wald wundert mich sehr. Insbesondere, wenn ich die Details der gängigen Praxis bei der Waldbewirtschaftung im Auge behalte, die ja stets verteidigt wird.

Über 9 Monate hinweg den Wald an vielen Stellen als Lagerplatz für Langholz zu nutzen, um es teils meterhoch zu stapeln, scheint mir weit folgenreicher als mein regelmässiger sportlicher Ausflug quer durch den Wald. Die folgenden Bilder dokumentieren zwei aktuell vom letztem Winter verbliebene Lagerstätten am Rand der Einsiedel-Ebene, wo das Holz ca. 4 Meter hoch aufgetürmt wurde. Stand 26.7.2015. Unter den Lagern wächst wohl sicher keine Pflanze mehr:

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Der Flächenverlust im Wald durch die Bewirtschaftung ist nicht auf die Rückegassen beschränkt, die vorsichtig geschätzt ca. 15% ausmachen. Ein nicht geringer Teil der verbliebenen Waldfläche – von der stets behauptet wird, sie werde komplett geschont – wird abseits der Wege und Rückegassen als Holzlager verwendet. Darüber spricht man bisher nicht. Diese Lager sind auch deshalb interessant, weil sie jedes Jahr nach der erneuten Ernte wieder an ganz anderen Stellen auftauchen. Stellt denn niemand folgende Frage: Auf wie viel Fläche des Waldes wird durch diese Holzlager das natürliche Nachwachsen massiv gestört bzw. periodisch komplett verhindert?

Wohl aber spricht man negativ über die Wanderer, die anscheinend abseits der Wege eine Gefahr für Jungpflanzen darstellen. Seltsam.

Ein weiteres Problem: Wie ergeht es den nachwachsenden Jungpflanzen im Schönbuch nach der Holzernte auf den bewirtschafteten Flächen? Das sind ja nicht die Lagerflächen, denn diese befinden sich aus Transportgründen in Wegsnähe.

Hier ein Beispiel: ob diese grobmotorisch gestutzte Buche den Eingriff noch überleben wird?

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Ältere Jungbäume werden oft durch die nach der Ernte leider dauerhaft verbleibenden Äste zum Boden heruntergebogen und verkümmern so:

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Eine „Bestandspflege“ im Wald, die ihren Namen verdient, sollte dieses Problem vermeiden.

Die Problematik mangelnder Pflege – bzw. fehlender Zukunftsvorsorge –  ist im Schönbuch leider nach der Holzernte flächendeckend zu beobachten. Hier z.B. ein Habitatbaum, der von der Ernte 2015 zwar verschont blieb, weil er als schützenswert markiert wurde – immerhin –  der aber nun in einer Umgebung steht, die eher einer Müllhalde gleicht:

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Mein Fazit: Praktizieren Sie als Waldbesucher den aufrechten Gang im Wald auch abseits der Wege. Lassen Sie sich nicht einschüchtern. ForstBW hätte durchaus Möglichkeiten, um die vorhandenen großen Gefahren für das Ökosystem Wald – die tatsächlichen, nicht die vorgeschobenen – wirksam einzuschränken.

Liebe Forstleute, es liegt weiterhin allein in Eurer Hand!

 

 

 

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