Weiterhin auf der Suche…nach den Grünen

Manchmal frage ich mich: Wer war und ist es denn nun eigentlich, der so ganz nebenbei beschlossen hat, den Schönbuch abseits der Wege Jahr für Jahr unbegehbarer zu machen, indem er verordnete, die nicht ausreichend lukrativen Reste der Holzernte in ihrer Sperrigkeit konsequent dort zurück zu lassen, wo sie uns betriebswirtschaftlich am wenigsten kosten? Wer war und ist es, der uns Allen damit Jahr für Jahr auf mehr Fläche die Freiheit des Abbiegens vom gewohnten Weg zu einer Waldbegehung ohne Ziel, ganz im Stillen, auf weichen Böden, ohne Wackersteine und aufgetürmt oder kreuz und quer herumliegende Bewirtschaftungsreste, mit allem was es dabei an Natur vielleicht zu entdecken gäbe, einfach raubt, ohne zu überschauen, was er den Tieren, uns und den Pflanzen im Wald mit seinem zynischen Tun eigentlich anrichtet?

Ist ein Wald, der Abseits der Wege durch unsere zurückgelassenen Baumfällreste und Fahrspuren bald unbegehbar ist, noch ein Wald?

Die Antwort ist, wie so oft, nicht einfach.

Man kann sich ins philosophische, systemkritische Terrain zurückziehen: Forstwirtschaft und Politik sind weiterhin in den mittlerweile omnipräsenten, bestens eingespielten Fängen und Scheindebatten des Kapitalistischen Systems gefangen, das im Wesentlichen heute zumindest Eines perfide zustande bringt: Gewinnmargen berechnen unter Übergehen der immantenten Probleme, die unser Umgang mit der Natur mit sich bringt, und zur Beruhigung schöne Bilder einer scheinbar intakten Lebenswelt daneben stellen. Die Verweigerung bzw. zynische Ignoranz gegenüber der Erkenntnis, dass es so wie die Dinge ablaufen doch eigentlich nicht lange weitergehen kann, ist um den Globus dicht verbreitet.

Vielleicht hilft ein Blick zurück?

Ich erinnere mich noch immer gerne an einen Ausflug, den wir Studierende zum Abschluss eines Seminars 1996 mit Professor Dr. Paul Sappler, Mediävist am Deutschen Seminar der Tübinger Universität, westlich von Bieringen um die Weitenburg herum unternahmen.

Paul Sappler liebte es als Alpinist, den Wald abseits der Wege zu durchwandern, und so verließen wir damals den geschotterten Pfad, um bergwärts ins Natürliche des Waldes vorzudringen. Um festes Schuhwerk war zuvor gebeten worden, jedoch hatten damals nicht alle Teilnehmer Entsprechendes zur Verfügung bzw. den Aufruf in ausreichender Weise ernst genommen. „Im Wald kann man Vieles erleben, aber das Meiste davon nur, wenn man die Wege verlässt“, lautete der Satz, mit dem Paul Sappler die Zweifler zu überzeugen versuchte.

Mir war der einen Kilometer lange Ausflug ins Unterholz – die Germanisten waren damals nicht alle Naturfreunde und hatten nicht wirklich Lust dazu, ich weiß nicht wie es heute wäre – ein willkommener Anlass, mit dem Seminarleiter ins Gespräch zu kommen über derartige Exkursionen, die mir seit der Kindheit vertraut waren. Wir redeten über Vieles, über Mäuse und Vögel, die plötzlich ganz nahe auftauchen wenn man im April Bärlauchblätter pflückt, oder über Steinkrebse, denen man nahe der Wege nie begegnet.

Alle Seminarteilnehmer haben den Wald abseits der Wege damals erfolgreich durchquert, zum Teil in unpassendem Schuhwerk, ohne Hindernisse, die uns zur Umkehr oder zu Umwegen gezwungen hätten, und wir sind pünktlich im Haus des Professors zum Umtrunk angekommen.

Warum reite ich heute auf dieser Erinnerung herum?

Liebe Leser, ich fordere Sie auf: probieren Sie 2015 einmal im Schönbuch eine solche Reise ins Ungewisse aus. Biegen Sie einfach ab in die Natur. Gönnen Sie sich das Erlebnis, zu Zeiten einer Grün-Roten Landesregierung abseits der Wege einen Kilometer weit durch den „Naturpark“ zu laufen, in dem Ökonomie, Ökologie und Soziales weiterhin, wie stets propagiert, gleichgewichtete Interessen darstellen. Sollten Sie dabei rein zufällig nicht auf tief zerfurchte, verschlammte Rückegassen oder die Undurchdringlichkeit zurückgelassener Restholzberge – Reisig wäre ein wenig verniedlichend ausgedrückt – stoßen, die sie bei ihrer naturnahen Exkursion in kaum Schatten spendenden weil jüngst ausgelichteten Wäldern massiv hindern und immer wieder zum Umlenken – und Umdenken? – zwingen, so geben Sie mir bitte Bescheid, wo sie langgelaufen sind. Ich bin seit Jahren intensiv auf der Suche nach dem, was in einem Naturpark eigentlich selbstverständlich sein sollte – Ein qkm begehbare, Schatten spendende Waldfläche mit Altbaumbeständen, die wir künftigen Generationen ohne eine viele Jahrzehnte währende Erblast unserer heutigen massiven Eingriffe weiterreichen können – , und würde mich freuen, wenn es das zumindest vorübergehend noch gibt.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung, mich weiterhin fragend, wo denn nur die vormals so wortreichen Grünen – bzw. ihre Ideale von einst – geblieben sind?

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