Ein erster Aufruf an Sie…

Die kugelige Blüte einer Trollblume öffnen, Esskastanien auf einer schattigen Wiese im Arenbachtal sammeln, Pilze unter alten Eichen suchen, wo der Waldboden locker und bemoost ist, am Grillplatz bei Bebenhausen Flusskrebse aus dem Goldersbach holen und betrachten –

das sind für mich wesentliche Kindheitserinnerungen an den damals jungen Naturpark Schönbuch aus den 1970er Jahren. Die Sonntagsausflüge fanden ihren krönenden Abschluss, wenn wir anschließend noch die Waldklause bei Pfrondorf aufsuchten und wir Kinder dort mit den Elektroautos fahren durften. Den tiefsten Eindruck aber nahm ich abends doch vom dunklen, Überraschungen und Geheimnisse bergenden Wald mit nach Hause.

Die Elektroautos gibt es bei der Waldklause heute noch, Flusskrebse hingegen sucht man im Goldersbach bei Bebenhausen inzwischen vergeblich. Man findet sie noch selten im Naturpark, in kleineren, mäandernden Bächen. Die Esskastanien im Arenbachtal sind leider Vergangenheit.

Als Student bin ich Jahre später regelmäßig wochenends von Tübingen aus durch den Schönbuch zu meinen Eltern nach Böblingen geradelt. Im Spätsommer oft mit einer Tüte für die Pilze im Gepäck, die sich im Laufe des Wegs vorbei am Bromberg auch füllte.

Eines Sommerabends geriet ich in ein sehr heftiges Gewitter, und flüchtete mich im dichten Wald seitlich des Wegs unter einen alten Ahornbaum, um einigermaßen trocken zu bleiben.

Es dauerte einige Minuten, bis ich wahrnahm, dass eine ausgewachsene Wildsau in unmittelbarer Nähe gegenüber des Wegs offenbar dieselbe Strategie verfolgte. Uns misstrauisch beobachtend, harrten wir eine gute Viertelstunde nahezu reglos im Starkregen aus, jeder unter seinem Baum, das heftige Gewitter über uns. Nachdem mein „Nachbar“ den Unterstand verlassen hatte, beschloss auch ich, weiter zu fahren. Es war der richtige Moment, um aufzubrechen, das Gewitter verzog sich.

Diese Erlebnisse liegen viele Jahre zurück, und doch sind sie dem Erwachsenen präsent, als wäre dies alles gestern gewesen. Man lernt viel für’s Leben in der Natur.

Auch heutzutage verbringe ich viel Zeit im Schönbuch, oft mit meiner Frau und mit unserem 10-jährigen Sohn. Was wir dieses Jahr an den Rändern des Parks sehen, ist von neuer Qualität: Zunehmend rücksichtslos wirtschaftlich genutzte Flächen – maschinell ausgelichteter und unaufgeräumter Wald. Der Waldboden und die Wege sind verschlammt, in den Pfützen schillern Dieselreste.

Die Erntemaschinen haben beispielsweise nördlich des Grillplatzes beim Einsiedel tiefe Reifenfurchen und Schleifspuren hinterlassen. Den für die Pilze wichtigen lockeren Waldboden hat man verdichtet, wichtige Lebensgemeinschaften im Boden sind zerstört. Die größeren Bäume liegen gefällt am Wegrand. Hier wird über viele Jahre kein einziger Steinpilz mehr wachsen. Auf 300 Metern ist der ehemals schöne Weg eine Schlammfläche.

Mit einem naturliebenden Kind aktuell um Pfrondorf im Naturpark Schönbuch spazieren zu gehen führt zu Diskussionen. Die Spuren der Holzernte sind zu grob, zu dominant um sie nicht zu thematisieren. Weiter westlich des Einsiedel, am „Ersatzweg“ und am Parkplatz Eichenfirst nahe der Waldklause, lagen Ende April ca. 1000 schöne alte Buchen-, Ahorn- und Eichenstämme auf Poltern zusammengeschoben. Der Wald gleicht dort einem gigantischen Langholzlager. Er ist ausgedünnt, er wirkt wie von einem wilden Sturm durchzogen…
Kinder stellen passende Fragen: „Der Wald sieht ja total kaputt aus. Wieso schützen die Förster den Wald nicht vor solchen Riesenmaschinen?“ Nun, da es bisher keine befriedigende Antwort darauf gibt, schreibe ich diesen Beitrag.

Die Forstverwaltung, angesprochen, versichert „nachhaltig“ zu wirtschaften und betont, es werde nicht mehr eingeschlagen, als „im gleichen Zeitraum wieder nachwächst“.

Mir fällt dazu – angesichts 19% Einschlagswachstum in BW in 2011 – ein bedenkliches ironisches Zitat des Künstlers Max Ernst ein: „Was tun Wälder? Sie gehen niemals früh zu Bett. Sie warten, bis der Holzfäller kommt.“

Nun, er kommt. Und er will offenbar immer mehr. Sollte uns der Wald im Naturpark nicht viel mehr sein als nur auf den maschinellen Einschlag und den Abtransport wartendes Holz? Ist uns diejenige Erntemethode die beste, die den Ertrag optimiert, ohne Rücksicht auf Schädigungen des Bodens?

Was aktuell fehlt, ist der Blick für das Geschehen selbst. Beispielsweise der Blick auf den Wert eines Baumes als dauerhaft vernetztes Lebewesen, der Blick für die Lebensgemeinschaften im Ökosystem Wald.

Wie wird der Naturpark Schönbuch in wenigen Jahren aussehen, wenn auf diese Weise weiter (um der Rendite willen) schonungsloser Holzeinschlag betrieben wird?

Seit Mitte April sind wir im Gespräch und haben uns überlegt, wie Sie, wie wir, gemeinsam über den Einsatz der rigorosen Ernteverfahren und die sich hieraus ergebende systematische Zerstörung des Waldbodens, über die fehlende Pflege der Bestände sprechen können. Auf Spaziergängen entstand die Idee zur Konzeption eines Flugblattes, das wir an die Besucher des Parks verteilen wollen. Sie können es hier einsehen, herunterladen und ebenfalls verteilen. Es entstand die Idee zu einer Webdomain – als Plattform dem Ziel dienend, Informationen zu sammeln, die Situation übergreifend zu beschreiben und „unseren“ Wald, den Schönbuch, mit einem Bekenntnis vor brutalen Eingriffen zu schützen.

Lassen Sie uns über das Geschehen sprechen und diskutieren! Unser Wunsch ist, dass Sie sich rege beteiligen und kommentieren. Mit Beiträgen zur Problematik, mit Fotos aus den betroffenen Waldabschnitten, mit Anregungen für Aktionen an unsere Mailadresse:

info@schuetzt-den-schoenbuch.de

Lassen Sie uns gemeinsam dafür eintreten, dass der Naturpark Schönbuch als ein intakter Wald und ein Naherholungsgebiet erhalten bleibt.

Peter Fink

 

 

3 Gedanken zu „Ein erster Aufruf an Sie…

  1. Das ist wahrlich eines Naturschutzgebiets unwürdig und man müsste eigentlich die Aberkennung beantragen. Leider wäre der Natur damit nicht gedient. Was meint denn das Regierungspräsidium dazu?
    Ich schließe mich voll Ihrem Protest an.
    Marlene Fehrmann, NABU Sindelfingen/Böblingen

  2. Hallo Herr Fink,

    wir wohnen in Kirchentellinsfurt und seit wir uns vor 1,5 Jahren einen Hund zugelegt haben sind wir fast 2x täglich im Schönbuch unterwegs. Es ist leider erschütternd wahr, was Sie in ihrer Initiative beschreiben. Ich habe inzwischen immer wieder andere hundebesitzer gefragt und die meisten sind Laien, aber entsetzt wie der Wald systematisch ausgeschlachtet wird (anders kann man es leider nicht benennen).
    Jede Woche entdecken wir neu farbig angezeichnete Bäume mit Rückeweg-markierungen in kürzesten Abständen.
    Hochachtung vor Ihrer Arbeit, herzlichen Dank, dass Sie mit ihrer Initiative nichts unversucht lassen und auch auf höherer Ebene agieren.

    Dr. med. Martina Grauer

  3. Bei einer Wanderung am Pfingstsonntag sind wir auf eine „Wald-Nutzung“ in erschreckender Art und Ausmaß gestoßen.

    Im Naturpark Schönbuch als Wald des Jahres 2014 darf man bei der Bewirtschaftung offenbar nachhaltig rücksichtslos vorgehen.
    Auf dem Weg östlich der „Schindereiche“ und fast parallel laufend am „Entringer Stein“ sehen viele Stellen im Wald durch die Ablagerung von grobem Schotter und Gestein eher nach einem Baustofflager aus. Dass die schweren Maschinen den Waldboden ruinieren, ist lange bekannt. Regelrecht ruinös wird aber in dieser Gegend in den Steillagen vorgegangen.
    Genauso rücksichtslos und unnötig hat der Fahrer mit einem offenbar riesigen Traktor westlich oberhalb des Kleinen Goldersbachs vor der Einmündung des Ochsenbachs gewütet, um dort eine winzige Lichtung zu mähen, wozu eigentlich? Er war es vermutlich auch, der seine Bierflasche an Ort und Stelle gleich mit entsorgt hat.

    Vor nachhaltiger Bewirtschaftung und Naturschutz kann hier keine Rede mehr sein. Eher findet eine nachhaltige Zerstörung statt. Diese Behandlung wird weder einem Naturpark noch dem Wald des Jahres 2014 gerecht.
    Fotos können leider nicht geliefert werden, aber der persönliche Augenschein lässt sich ohnehin nicht ersetzen und sollte nicht nur Forstleuten überlassen werden, sondern fachkundigen Personen, die den Naturschutz ernst nehmen und auch etwas bewirken können.

    Und wenn Reinhold Kratzer, Leiter des Böblinger Kreisforstamts, von „Parolen“ spricht, die „keine in der Bevölkerung verbreitete Meinung vertreten“ und er Beschwerden anderer Waldbesucher zu dem Thema nicht kennt, dann kann man dem abhelfen. Manchmal hilft es auch schon, wenn man Augen und Ohren aufmacht, das gilt auch die Verantwortlichen in der Forstwirtschaft und in den Behörden.

    Werner Reinhold
    Walter-Helmes-Weg 42
    D-71229 Leonberg

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